„Rigaerstr“ ist ein kurzer dokumentarischer, clipartig montierter Film von Martin Burri, der die Rigaer Straße in Berlin‑Friedrichshain Anfang der 2000er Jahre porträtiert — eine Zeit, in der die Straße ein Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen, sozialer Spannungen und urbaner Brüche war.
Burri lebte damals selbst in der Rigaer Straße. Frühmorgendliche Polizeieinsätze waren Teil des Alltags, denn die Straße galt als einer der letzten Orte mit besetzten Häusern in Berlin. Das Hausprojekt Rigaer 94 war bundesweit Symbol der linksautonomen Szene, und die Straße wurde regelmäßig zum Schauplatz von Konflikten, Demonstrationen und massiven Polizeipräsenz.
Der Film zeigt die Straße so, wie sie war: Hunde, die frei zwischen den Bewohnern liefen; ihre Hinterlassenschaften überall auf dem Asphalt. Relikte der DDR — alte Schilder, verwitterte Fassaden, bröckelnde Mauern. Daneben frisch sanierte Neubauten, die im starken Kontrast zu den besetzten Häusern standen. Einschusslöcher aus Kriegszeiten, die noch immer sichtbar waren. Protestbanner, politische Parolen, Graffiti, die von Solidarität, Widerstand und Nachbarschaft erzählten. Menschen, die mit ihren Hunden durch die Straße gingen, Alltagsszenen zwischen Chaos und Normalität.
Die Bilder sind roh, direkt, ungeschönt. Sie dokumentieren eine Straße, die zugleich Lebensraum, Konfliktzone und Symbol war.
„Rigaerstr“ ist ein persönliches Zeitdokument — ein Blick zurück auf einen Ort, der sich ständig veränderte und doch immer gleich blieb. Ein Film über das Leben in einer Straße, die nie still war.
Neben den unmittelbaren, roh dokumentierten Eindrücken der Rigaer Straße fügt der Film eine reflektierende Ebene hinzu: Ein italienischer Sprechertext beschreibt den tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft seit den 1950er‑Jahren — eine Entwicklung hin zu mehr Freiheit, Individualität, Selbstbestimmung und neuen Vorstellungen vom Wohnen. Während der Off‑Text von einer modernen, dynamischen und zunehmend entgrenzten Lebenswelt erzählt, zeigt Rigaerstr das Gegenbild: eine Straße, die sich den Versprechen des Fortschritts entzieht und stattdessen ein Ort bleibt, an dem Konflikte, Brüche und alternative Lebensformen sichtbar werden.
Diese Gegenüberstellung erzeugt ein spannungsreiches Wechselspiel zwischen gesellschaftlicher Modernisierung und urbaner Realität. Der italienische Text spricht von neuen Wohnutopien, von Häusern als Projektionen in ferne Galaxien, während die Kamera die tatsächlichen Fassaden zeigt: DDR‑Relikte, besetzte Häuser, Einschusslöcher, Protestbanner, Hunde, Asphalt, Alltag. So wird die Rigaer Straße zu einem Ort, an dem die großen Erzählungen über gesellschaftlichen Wandel auf die konkrete, widersprüchliche Realität eines Berliner Kiezes treffen.
“Rigaerstr” is a short, documentary, clip‑based film by Martin Burri, portraying the Rigaer Straße in Berlin‑Friedrichshain in the early 2000s — a period marked by political tension, social fragmentation, and urban contrasts.
Burri lived in the street at that time. Early‑morning police operations were common, as the area contained some of the last squatted houses in Berlin. The house project Rigaer 94 was known nationwide as a symbol of the left‑autonomous scene, and the street frequently became a stage for conflicts, demonstrations, and heavy police presence.
The film shows the street as it truly was: Dogs roaming freely among residents; their traces scattered across the pavement. Relics of the GDR — old signs, weathered facades, crumbling walls. Newly renovated buildings standing in stark contrast to the occupied houses. Bullet holes still visible from wartime. Protest banners, political slogans, graffiti expressing solidarity, resistance, and community. People walking their dogs, everyday moments unfolding between disorder and normality.
The imagery is raw, direct, and unfiltered. It documents a street that was simultaneously a living space, a conflict zone, and a symbol.
In addition to the raw, immediate documentary images of Rigaer Straße, the film introduces a reflective layer: an Italian voice‑over describing the profound transformation of society since the 1950s — a shift toward greater freedom, individuality, self‑determination and new concepts of domestic space. While the narration speaks of a modern, dynamic and increasingly boundary‑less world, Rigaerstr presents the counterimage: a street that resists the promises of progress and remains a place where conflict, rupture and alternative ways of living are visible.
This contrast creates a tension between societal modernization and urban reality. The Italian text evokes new housing utopias, homes imagined as vessels projecting their inhabitants into distant galaxies, while the camera reveals the actual facades: GDR relics, squatted houses, bullet holes, protest banners, dogs, asphalt, everyday life. In this way, Rigaer Straße becomes a space where grand narratives of social change collide with the concrete, contradictory reality of a Berlin neighborhood.
“Rigaerstr” is a personal historical document — a look back at a place constantly in flux yet always itself. A film about life in a street that never stood still.